China Reiseblog: 3.8.-29.8.2011

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Die Halle des Shanghaier Flughafens
Auskunft unter Palmen am Shanghaier Flughafen
Hoehepunkte deutscher Kultur in Shanghai: Deutsches Bier fuer nur 5 Euro/Flasche

Tag 1: Wenn einer eine Reise tut....

Ich sitze gerade bei 30 Grad am Flughafen von Shanghai und warte auf meinen Anschlussflug nach Xian. Nach deutscher Zeit haben wir es jetzt 6 Uhr morgens und ich bin seit gestern um 10 Uhr unterwegs. Die Ankunft in Tianshui wird voraussichtlich heute Abend um 20 Uhr sein.

Münster – Düsseldorf – Amsterdam – Shanghai – Xian – Tianshui …. Ca. 28 Stunden Reisezeit um (fast) ans andere Ende der Welt zu kommen.

Wenn einer eine Reise tut… dann kann er sich nicht ausschlafen ;-).

Warum das alles? Da ich ja sowieso jedes Jahr drei Monate im Vollzeitunterricht mit meinem Meister verbringe ist der Unterricht hier in China nicht der ausschlaggebende Grund.

Wenn einer eine Reise tut… dann erfährt er sich selbst im Spiegel der Anderen (Kultur) viel deutlicher als daheim. Die Andersartigkeit des chinesischen Denkens, Fühlens und Handelns sind eine wunderbare Möglichkeit viele eigene und liebgewonnene Gewohnheiten einmal aus einer anderen Sicht zu betrachten und sich dadurch selbst besser zu verstehen.

Ein kleines Beispiel gefällig?

Das erste sprang mich direkt beim Mittagessen auf dem Shanghaier Flughafen an:

Wer schon mal in China war, dem sind sicherlich die etwas von den Vorstellungen des Herrn von Knigge abweichenden Tischsitten aufgefallen.

Der Chinese hängt sich z.B. beim Verzehr seiner Nudeln (die in der Regel als Nudelsuppe verzehrt werden) gemeinhin mit dem Kopf fast in die Schüssel und verleibt sich die Nudeln unter mehr oder weniger lautem Schlürfen ein…

In Deutschland ein absoluter Fehltritt neben die von Herrn Knigge so mühsam gesetzten Trittsteine der Tischkultur und sicherlich für manch einen Deutschen mit allerlei Bewertungen besetzt….

Nun aber sind chinesische Nudelsuppen heiß, fettig, färben ganz gewaltig und die Nudeln sind ausgesprochen lang.

Wenn man sie mit aufrechtem Rücken sitzend unter dem dabei unvermeidlichen Spritzen verspeist, dann sollte man entweder einen Regenponcho oder Wechselkleidung zur Hand haben…. Es sei denn man gibt nichts darauf mit großzügigen Suppenflecken in der Oberbekleidung herum zu laufen…

Mann könnte also sagen, dass das Geschlürfe und sich nach vorne in die Suppenschüssel werfen überaus praktisch ist. Wie wir sehen, haben (Tisch-)Sitten auch einen funktionalen Bezug….und sie sind von den Gegebenheiten, d.h. von Zeit und Kultur geprägt….

Und nebenbei…. Wer einmal für unverständige Blicke und Gelächter sorgen will, der sollte einmal versuchen in einem chinesischen Restaurant mit aufrechtem Rücken seine Nudelsuppe mit Stäbchen zu essen und sich dabei Nudel für Nudel einzeln zum Mund zu führen…

Und da ist sie direkt, die erste Lektion: Sitten und Regeln dienen den Menschen!

Wenn der Mensch aber den Regeln dient ohne den Sinn dabei zu bedenken, dann öffnet das Tür und Tor für allerlei Probleme und eben auch die Ablehnung der Andersartigkeit anderer. Eben weil man das "warum" und "wozu" ihres Verhaltens nicht versteht!

Und am Ende heisst es dann hier und da: „Die Chinesen haben keine Tischkultur…“.

Tag 3: Herzlich Willkommen im Feld...

Meinen ersten Tag habe ich mit Meister Shens Familie beim bewussten Ankommen in China verbracht. Die Umstellung von Zeit, Klima und Kultur braucht etwas Zeit.

Daher haben wir den Tag mit Gesprächen, Essen und Teetrinken bestritten.

In China herrscht hier im Moment nicht nur ein wirklich sommerliches Klima mit Temperaturen um die 30 Grad, sondern hier ticken auch Uhren und Leben anders als in Europa und insbesondere in Deutschland (Deutschland = De Guo = Das Land der Tugend).

Dieses andere „Klima“ ist spannend und herausfordernd zugleich.

Die Gesamtheit der Einstellungen, Überzeugungen, Gefühle und Handlungen der Menschen erzeugt ja ein ganz eigenes „Feld“. Wir können das meist als die Andersartigkeit und manchmal auch als ein Gefühl der Fremdheit spüren, wenn wir in andere Länder reisen.

Will man die Kultur eines Landes wirklich verstehen, so muss man ganz und gar in sie eintauchen… „Laborversuche“ an Hand von Reiseführern, Bildern und Erzählungen anderer werden niemals zu der gleichen Erlebnistiefe und Wirkung führen.

Um es einmal mit traditioneller Terminologie zu sagen: Man muss das Qi selber fühlen um es zu verstehen.

Diese Tatsache ist insbesondere für alle Übenden des Taiji und Qi Gong von Bedeutung. Auch wenn diese beiden Methoden Ausdruck universeller Prinzipien sind, so sind sie doch die Betrachtung dieser Prinzipien durch die „chinesische Brille“ und damit wesentlich von der Kultur Chinas geprägt.

Wer daher Taiji und Qi Gong wirklich verstehen will, der sollte (einmal) in die Kultur Chinas eintauchen und aus erster Hand und an besten Orten lernen.

Wenn Körper, Geist und Seele offen und empfänglich sind, dann kann allein die Anwesenheit hier in China (im Übungsprozess) schon vieles in Bewegung setzten.

Das man dafür in einem immer noch kommunistisch geprägten China die richtigen Orte und Menschen kennen muss ist ein wichtiger Punkt…

Tobias Puntke, Meister Shen Xijing und Meister Li Zunzhi am Taiji Bagua Felsen in der Nähe von Tianshui, der Fuxi zur Darstellung der Trigramme inspiriert haben soll...
Meister Shen Xijing mit seinem jüngsten Sohn Zhiyue beim Ausritt im Grasland...

Tag 4 & 5: Das Grasland ruft...

Die alten daoistischen Klassiker beschreiben unsere Welt als in stetiger Veränderung begriffen. Ein Tag in China lässt diese Wahrheit fühlbar werden!

Am späten Vormittag fragte Meister Shen Xijing mich, ob ich Lust hätte mit ins Grasland von Gansu zu fahren. Bis zur letzten Minute war nicht ganz klar, ob und wann wir fahren und wer überhaupt mitfährt. Wer sich in Deutschland für spontan hält, der kann in China höchstwahrscheinlich eine neue Dimension dieses Begriffes kennenlernen.

Also machten wir uns am frühen Nachmittag in Begleitung von Meister Li Zunzhi und dessen Familie auf den Weg ins Grasland.

Auf dem Weg offenbarte es sich, dass bei allen Beteiligten nur eine ungefähre Vorstellung vom Weg bestand. Das Navigationsgerät im Auto von Meister Shen hatte leider keine Karten für diese Region und an die Mitnahme einer Karte hatte anscheinend auch niemand gedacht.

Leider sucht man auf den einsamen Bergstrassen (eigentlich sind es eher Pisten) dieser Region auch Hinweisschilder meist vergeblich. Eine spannende Art eine 300 km lange Reise durch abgelegene Gebirgslandschaften anzugehen….

Zu meinem großen Erstaunen haben wir den Weg nach einigen Verirrungen durch eine Mischung aus Bauchgefühl und Durchfragen doch gefunden.

In China läuft vieles recht spontan ab. Detaillierte Planung und Strategie sucht man an vielen Orten (zumindestens des Privatlebens) vergeblich. Und dort wo es sie gibt, werden sie oftmals sehr locker gehandhabt.

In Deutschland mit all seinen Gesetzen, Verordnungen und Regeln ticken die Uhren doch irgendwie anders. In einem Land in dem selbst die Größe von Treppenstufen gesetzlich geregelt und behördlich überwacht wird, hat man offenbar ein sehr viel größeres Bedürfnis nach Klarheit, Sicherheit und Absehbarkeit.

Woher das stammt hat sich mir noch nicht erschlossen.
Mangelt es uns vielleicht an Vertrauen in den natürlichen Lauf der Dinge? Wieso muss in Deutschland alles kontrolliert und reglementiert werden?

Natürlich haben Regeln und Gesetze ihren Sinn, aber die Umstände des Lebens sind nun mal komplex und können sich sehr schnell ändern. Da können einem Regeln und Gesetzte manchmal nicht nur Schutz bescheren, sondern einen auch behindern.

Natürlich kann auch Spontanität in Form lockerer Auslegung von Regeln ihre Kehrseite haben. Die lockere Handhabung von Regeln mag uns mehr Raum geben um situativ richtig zu handeln, aber öffnet auf der anderen Seite auch leicht die Tür für alle möglichen Formen von eigennütziger Auslegung, Vetternwirtschaft und Korruption. Ein Thema das auch in China nicht gerade unbedeutend ist!

Nach diesen schweren Betrachtungen nun zu etwas Leichterem:

Das Wochenende haben wir dann wie geplant im Grasland von Gansu verbracht, wo die mongolische Minderheit mitten im idyllischen und wunderschönen Nichts eine Mischung aus Folklore, Ponyhof, Ferienparadies und Ballermann 6 aus der Erde gestampft hat.

Dementsprechend verbrachten wir das Wochenende damit die Landschaft zu genießen, zu reiten, Bogen zu schießen, uns mit Rollen an einem Drahtseil in atemberaubender Geschwindigkeit und schwindelerregender Höhe über die Täler des Graslandes zu schwingen und eine GANZE Ziege (eine lokale Spezialität) zu verspeisen.

So einfach die Zimmer auch waren (vom Klo auf dem Hof ganz zu schweigen) der chinesische Mindeststandard war erfüllt: Sat Receiver und Fernseher!

Impressionen auf dem Weg ins Grasland der Provinz Gansu in der Nähe von Tianshui
Impressionen aus der mongolischen Feriensieldung im Grasland 1
Impressionen aus der mongolischen Feriensieldung im Grasland 2
Abendlicher Blick aus meinem
Frühmorgendlicher Tanz unter meinem Zimmerfenster
Mein Trainingsplatz vor dem Schrein des Bei Dou Xi Xing im Kloster der Jadequelle, Tianshui

Tag 6-9: An der Jadequelle...

Nach den ersten informellen Tagen hat nun am Montag mein eigenes Training begonnen. Um etwas mehr Ruhe für meine Praxis zu haben, habe ich mich, entgegen nicht unerheblicher Widerstände auf Seiten meines Meisters und seiner Familie, in einem nahe gelegenen Hotel einquartiert.

Die Gastfreundschaft hier ist wirklich überwältigend, so dass man schon etwas schauen muss, dass man nicht überversorgt wird und dann den ganzen Tag nur noch mit netten Leuten beim Essen, Teetrinken oder Besichtigen schöner Orte zubringt… na zumindestens, wenn man noch etwas anderes vor hat… .

Zur Gastfreundschaft muss ich mich an späterer Stelle sicherlich noch mal etwas auslassen, denn da können wir wirklich noch etwas lernen…

Mein Hotel liegt direkt am He Fluss der mitten durch Tianshui fliesst und ich schaue aus meinem Zimmer direkt auf die nachts sehr bunt beleuchtete und von regen Flanierverkehr frequentierte Uferpromenade. Dort herrscht JEDEN Abend und auch Morgen eine Stimmung, wie bei uns am Samstagabend auf belebten Flaniermeilen. Wahrscheinlich sind alle froh nach der Hitze des Tages am angenehm frischen Abend noch einmal rauszukommen.

Das Leben auf öffentlichen Plätzen ist hier sowieso um einiges reger als man sich das bei uns vorstellen kann. Schon am frühen Morgen (ab spätestens 7 Uhr) kann ich hier wirkliche Menschenmassen beobachten, die sich bei Spaziergang, Tanz, Gymnastik und manchmal auch etwas Taiji und Qi Gong auf den Tag einstimmen.

Jeden Morgen ab ca. 7 Uhr übt sich auch direkt unter meinem Fenster eine Gruppe älterer Damen im Formationstanz zu wirklich herzzerreißender Schmalzmusik… . Gott sei Dank liegt mein Zimmer im 7 Stock :-).

Nach den ersten Einstimmungsübungen im Zimmer mache ich mich morgens irgendwann zwischen 7 und 8 auf dem Weg zum Training. Mein Frühstück kann ich dabei quasi im Vorbeigehen auf dem Markt kaufen. Für ca. 50 Cent bekomme ich hier ein leckeres und schmackhaftes Frühstück aus warmer Sojamilch und verschiedenen warmen Gebäcksorten, Suppen oder Baozi. In China kauft man das Frühstück in der Regel morgens frisch in den überall reichlich vorhandenen, äußerst schmackhaften und günstigen Garküchen ein. Fast niemand macht sich die Mühe sein Frühstück selbst zu bereiten.

Mein Trainingsplatz liegt im immer noch aktiven daoistischen Kloster der Jadequelle am Rande Tianshuis, dass seinen Namen von einer in ihm befindlichen Heilquelle erhalten hat.
Dieses fast 1000 Jahre alte Kleinod ist in einem immer noch stark kommunistisch geprägten China eine Seltenheit, da hier heute auch noch Mönche der daoistischen Drachentorschule leben und praktizieren.

Das Kloster ist meines Erachtens nach von einzigartiger Schönheit und verfügt über fast zwei Dutzend Schreine, ca. 90 Gebäude und einen über mehrere hundert Jahre alten Baumbestand.

Jedem Besucher Tianshuis sei ein Besuch empfohlen.

Mein Trainingsplatz liegt auf dem höchsten Gipfel des Klosters vor dem Schrein des Bei Dou Xi Xing, wo auch schon Liang Zitong ein Schüler des Gründers der Drachentorschule Qiu Chuji vor ca. 800 Jahren praktiziert haben soll.

An diesem Ort ist über die Jahrhunderte der Praxis vieler Generationen von Mönchen ein spezielles Kraftfeld entstanden, dass auch die Wirren der Kulturrevolution nicht löschen konnten, und das für das Üben eine große Hilfe ist.

Vieles geht hier viel leichter, ganz natürlich und fast wie von selbst.

Diese Kräfte erschließen sich allerdings nur dem, der für sie sensibilisiert ist und sie zu schätzen weiß. Dem Großteil der mehr oder wenig eilig und achtlos durch diese heilige Städte hastenden Touristen scheint es zu entgehen, was hier zu entdecken wäre.

Auf der einen Seite bringen die Touristen dem Kloster natürlich Geld, das es zum Überleben dringend braucht, auf der anderen Seite natürlich eine gewisse Betriebsamkeit, die Gott sei Dank aber noch nicht überhand genommen hat.

Mich stellen die durchweg chinesischen Touristen vor die wunderbare Aufgabe mich beim Training nicht von ihnen ablenken zu lassen. Auf meinem recht kleinen Trainingsplatz bei Megafondurchsagen der Reiseleiter und der nicht zu überhörenden Verwunderung angesichts eines a) Übenden und b) Ausländers an einem solchen Platz (beides ist hier noch eine Seltenheit) eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe.

Gott sei Dank kommen diese Reisegruppen nur sehr sporadisch und wenn Sie sich wieder auf den Weg gemacht haben, dann ist sie wieder da… die beseeligende Stille in einem pulsierenden und immer aktiven China.

 

Mein Hotel bei Nacht von außen...
Nächtlicher Bummel über die Uferpromenade am He Fluss 1
Nächtlicher Bummel über die Uferpromenade am He Fluss 2

Tag 10-12: Mein Leben als Ausländer…

Was ist das für ein Gefühl, wenn man durch eine Masse von Menschen geht und jeder dritte schaut einen an… Und man hört immer wieder das einfache aber bezeichnende Wort „Ausländer“ (Chin. „Waiguoren“ bzw. „Laowai“).

Es ist irgendwie verunsichernd, irritierend…. Wieso bin ich ein Ausländer? Ich bin doch…. Ohh… es ist ja irgendwie anders herum… .

Hier in Tianshui lassen sich wirklich nur sehr, sehr wenige Waiguoren blicken. Da fällt man natürlich irgendwie auf… zumal wenn man einen Kopf größer ist als alles was sich so durch die Straßen bewegt. Jetzt bin ich ja Gott sei Dank nicht blond, aber meine „hohe Stirn“ und die markante Nase machen die Sache auch nicht viel besser. ;-)

Für mich schwang bis jetzt bei der Titulierung als Ausländer irgendwie eine nicht ganz so positive Intention mit. Sie hätten ja auch sagen können: „Der ist aber groß.“ Oder „So eine Nase haben wir hier aber noch nie gesehen.“  

Nach den ersten Tagen als Ausländer habe ich dann irgendwann angefangen bewusst darauf zu achten mit welcher Intention mir die Menschen hier begegnen.

Und siehe da, in den Blicken begegnete mir so gut wie nie etwas Negatives oder Abwertendes.

Im Gegenteil, ich glaube ich bin noch nie so viel angelächelt worden wie hier.

Und selbst da, wo das Waiguoren mit neutraler Mine vorgetragen wird, lässt es sich in aller Regel durch ein freundliches Lächeln in eine äußerst positive und freundliche Reaktion umwandeln. Das macht richtig Spass! :-)

Ich bin zwar hier in China ein Ausländer, aber das scheint ansonsten niemanden zu stören.

Es bringt mir eher einen Exotenbonus, der schon zu allerlei unverhofftem Kontakt in allen möglichen und unmöglichen Situationen verholfen hat, wo wieder mal jemand meinte er müsse seine 3 Brocken Englisch (mehr sind es meist nicht) ausprobieren.

Noch spannender wird es natürlich wenn die Leute mitkriegen, dass ich chinesisch spreche.

Irgendwann wird es aber etwas ermüdend jedem Taxifahrer zu erklären wo man herkommt und was man hier so macht.

China ist ein sehr freundliches und vor allem auch gastfreundliches Land! Ich kann mich hier vor Einladungen zum Essen fast nicht retten.

Gerade wenn man die ersten Male z.B. in chinesische Familien kommt, wird man mit Höflichkeiten, Geschenken und Einladungen geradezu überschüttet.

Da ich hier im Kreis der Familie meines Meisters ja nun schon bekannt bin, ist es schon nicht mehr ganz so drastisch, aber immer noch genug um mich täglich ob der Großzügigkeit meiner Gastgeber zu beschämen und mich zu tiefst zu berühren.

Ich glaube so etwas habe ich in Deutschland noch nie erlebt. Ich meine, wenn mich jemand zu sich zum Essen einladen würde, dann würde ich das in Deutschland ja schon als sehr höflich empfinden. Wenn er das aber mehrmals in der Woche tun würde, mir dabei allerlei nette kleine Geschenke machen würde, mir etwas zu essen mit nach Hause geben würde, mir nachts im Dunkeln den Weg leuchten würde, würde ich in Deutschland glauben, dass da etwas nicht stimmt ;-).

In China weiß man um eine einfache Wahrheit: Geben und Nehmen bedingen einander.

Wenn ich anderen Menschen höflich und großzügig begegne, dann kommt all das was ich aussende irgendwann unweigerlich zu mir zurück.

Ich glaube darüber sollten viele Menschen in Deutschland einmal sehr gründlich nachdenken…

360 Grad Aufnahme von nächtlichen Zentralpaltz in Tianshui
Impressionen vom nächtlichen Bummel durch Tianshui...
Impressionen vom Nachtmarkt in Tianshui
Essen in China 1: Es geht auch sehr, sehr exklusiv...
Essen in China 2: Feuertopf (Huo Guo)
Essen in China 3: Geselliges Beisammensein gehört dazu...

Tag 13-15: Küche ohne Gleichen…

Wer schon mal in China war, der weiß: Die chinesische Küche ist an Vielfältigkeit nicht zu überbieten. Unendliche Variationen bei uns bekannter Zutaten werden zu noch nie erlebten Geschmackserlebnissen kombiniert. Von den vielfältigen Zutaten und Zubereitungsarten, die bei uns gar nicht bekannt sind, einmal ganz abgesehen.

Es ist erstaunlich, was ein chinesischer Koch aus den selben Zutaten zaubern kann die auch bei uns auf dem Küchentisch landen. Wenn man meint, man verstünde etwas vom Kochen, dann bleibt einem in China nur beschämt den Kopf zu senken.

In China bezeichnet man unsere Kochkunst in Europa als recht „grundlegend“. Dem kann ich nur zustimmen! Nicht ohne Grund haben in Deutschland chinesische Spezialitätenköche erleichterte Einreise- und Arbeitsbestimmungen (das ist kein Witz!).

Der aller größte Teil der Speisen ist auch für einen europäischen Magen und ein europäisches Auge bestens zu verkraften.

Interessanter und herausfordernder wird es jedoch, wenn man sich in das Reich der TCM begibt, denn dort gilt „Du stärkst, was Du ißt!“. D.h. im Klartext: Habe ich Probleme mit der Leber… esse ich Leber, habe ich Probleme mit den Ohren….. Ja genau das ist gemeint.

Natürlich nicht von Artgenossen!

Vieles was da auf dem Tisch landet hört sich für uns sehr ungewohnt, manchmal sogar ekelerregend an. Ob es ekelerregender ist das Ohr oder die Nase eines Schweines zu essen, als dessen Gesäß (Schinken), vermag ich von einem rein logischen Standpunkt aus nicht zu sagen. Auch vom ethischen Standpunkt aus, will sich mir im Moment der Unterschied nicht erschließen, denn entweder esse ich Fleisch und damit Tiere oder halt nicht.

Offenbar spielen hier eine Vielzahl emotionaler und kultureller Faktoren mit hinein.

Ein weiterer nicht unerheblicher Faktor ist sicherlich unsere europäische Kochkunst. Wir haben von vielen Dingen einfach keine Vorstellung, wie man sie gut zubereiten könnte, so dass sie schmackhaft und gut verträglich sind.

Dies ist eine weitere Spezialität der chinesischen Küche: Sie vermag fast alles zu verwerten, während bei uns in Deutschland z.B. ein großer Teil von Tieren ja gar nicht verwertet wird, da wir ja fast nur deren Muskelfleisch essen. Vom Standpunkt der TCM (und ich finde auch aus ethischer Sicht) lässt sich das nicht verstehen und fast zwei Milliarden Chinesen würden lachen, wenn Sie hören, dass wir z.B. die Eingeweide der Tiere nicht essen.

Bei vielen Dingen, die ich oft mit großer Begeisterung gegessen habe, habe ich erst nachher erfahren was es war, was auch besser war, denn das tatsächliche und das antizipierte Geschmackserlebnis hatten meist wenig oder gar nichts miteinander zu tun.

Hier ein kleiner Überblick über einige ungewöhnliche Spezialitäten die bisher auf meinem Teller gelandet sind:

  • Gestocktes Entenblut
  • Entenhals
  • Entendarm
  • Hühnerfüße
  • Schweinefüße
  • Schweineohren
  • Schweineschnauze
  • Schweinehaut
  • Achillessehnen
  • 100 jährige Eier (in Wirklichkeit nur 3 Monate alt)
  • Ziegenniere
  • Bienenlarven

Zur Beruhigung aller angehenden Chinareisenden: Diese Spezialitäten machen nur einen Bruchteil der ganzen Küche aus. 95 % sind ganz konventionelle Zutaten.

Tag 16-17: Guanxi - Festgehalten vom Netz der Beziehungen....

Heute Abend waren wir mit einigen Sporthonoratioren der Stadt Tianshui essen. Beim Essen geht es in China um mehr als die pure Gaumenfreude. Gemeinsames Essen ist ein Ausdruck der gemeinsamen Verbundenheit und ein Weg Verbindungen zu anderen Menschen zu schaffen.

Heute Abend trug man daher das Anliegen an mich heran, eine Art sportliche Städtepartnerschaft zwischen diversen sportlichen Einrichtungen Tianshuis und Münsters zu organisieren.

Die chinesische Seite hat dabei ein großes Interesse bekundet sich mit dem Westen in kultureller, sportlicher und wirtschaftlicher Hinsicht auszutauschen.

Ein spannendes und vielversprechendes Projekt, das es vielleicht ermöglicht viel mehr Menschen als bis jetzt mit unserer Arbeit zu erreichen und für beide Städte eine große Bereicherung sein könnte.

Solche Verbindungen werden in China nicht zufällig ausgewählt, sondern weil man sich kennt und einander vertraut. Das ist Guanxi – die Beziehung, die man entweder zu jemandem hat oder auch nicht. Wenn man sie nicht hat, dann tut man in China gut daran sie aufzubauen.

Mit Beziehungen wird vieles möglich, was sonst unmöglich wäre.

Dies hat den großen Vorteil, dass das Netz der Beziehungen einem hilft, wenn es Probleme gibt. Dann sind immer Menschen da, an die man sich wenden kann und die einem gerne und sehr engagiert zur Seite stehen. Dabei werden um eine funktionierende mitmenschliche Beziehung zu erhalten auch schon mal Probleme, vertragliche Verpflichtungen, etc. einfach bei Seite gelegt. In China steht die Beziehung der Menschen zueinander an erster Stelle.

Aber das Netz hilft nicht nur, sondern es verpflichtet einen auch für andere da zu sein… ob einem selbst das gerade passt oder nicht ist dabei oft zweitrangig. Geben und nehmen müssen halt in einem Gleichgewicht bleiben.

Dies ist ein vollkommen anderes Gesellschaftsmodell, als ich es in unserer überindividualisierten, separierten und doch eher egozentrischen westlichen Welt zu erkennen vermag. Eines über dessen Vor- und Nachteile es sich gerade in einer Gesellschaft, für die Vereinsamung ein gravierender (nicht nur gesundheitlicher) Risikofaktor ist, vielleicht nachzudenken lohnt…

 

Für mich hat dieses neue Netz der Beziehungen erstmal dazu geführt, dass ich mich zwei Tage später in den Zeitungen und dem Lokalfernsehen Tianshuis wieder gefunden habe, da die mir nun bekannten Sportfunktionäre der Stadt es äußerst interessant und berichtenswert fanden, dass ich als Westler zu ihnen komme, um in ihrem Kloster der Jadequelle zu trainieren.

Tempel der purpurnen Wolke 1
Shen Rui auf dem Wudang
Wudang - Tempel im Nebel
Wudang - Zugang zur Höhle des gelben Drachen
Wudang - Nan Yan Gong - Schauplatz des letzten "Karate Kid" Films mit Jacky Chen
Wudang - Blick über die Dächer des JinDing Klosters auf dem Gipfel des Wudang

Tag 18-20: Wudang – Schönheit im Nebel

Nachdem ich am Freitag in einer entspannten siebenstündigen Busfahrt von Tianshui nach Xian gelangt war, begann am Samstag meine Reise ins Wudang Gebirge.

Zu meiner großen Freude begleitete mich auf dieser Reise Meister Shen Xijings ältester Sohn Shen Rui als kundiger Weggefährte, Fachmann für innerchinesische Angelegenheiten und Freund.

Wir kamen am frühen Samstagabend im Örtchen Wudangshan am Fuße des Wudang-Gebirges an und konnten uns dank sehr freundlicher ortskundiger Mitreisender sehr schnell orientieren.

Das Örtchen besteht aus einem einige Straßenzüge umfassenden kleinen Dorf, das dem ersten Eindruck nach nur aus Schwertläden besteht. Da Wudang ja für seine Schwertkunst bekannt ist, verwundert das nicht. Allerdings war der Umfang der Geschäfte und die Preisspanne der Schwerter von ca. 7 Euro bis an die 1000 Euro doch gewaltig.

Oberhalb des Städtchens liegt das Wudang Tourism Center, das Zugang zum Gebirge gewährt und ein eigenes kleines Dorf aus Hotels, Restaurants und ja… Schwertgeschäften,….. vielen Schwertgeschäften… bildet. Dank der starken Anlehnung an traditionelle chinesische Architektur bildet das Center einen angenehmen Anblick und gewährt einem zu vertretbaren Konditionen Unterkunft in annehmbaren Zimmern und ordentliche Verpflegung.

Da es bei unserer Ankunft schon dunkel war verbrachten wir die erste Nacht hier.

Am Morgen des darauf folgenden Tages machten wir uns früh um 6 Uhr auf den Weg ins Gebirge. Zu so früher Stunde war Gott sei Dank noch wenig Betrieb und wir konnten uns schnell mit dem Bus auf in unser „Basislager“ am Nanyan Gong machen. Die Busfahrt dauerte ca. 40 Minuten und ersparte uns einen ganzen Tagesmarsch von ca. 8 Stunden Aufstieg… ein Luxus, den wir gerne und dankbar in Anspruch nahmen.

Unterwegs pausierten wir am Palast der purpurnen Wolken (Zixiao Gong) und konnten hier eine wirklich beeindruckende Tempelanlage in Augenschein nehmen, in der auch die Schüler der ortsansässigen KungFu Schulen bei gutem Wetter trainieren.

Das gute Wetter war uns jedoch nicht allzu sehr vergönnt, denn der Wudang empfing uns für die ganze Dauer unseres Aufenthaltes in tiefen Nebel und Wolken eingehüllt.

Auf der einen Seite waren uns dadurch sicherlich viele wunderbare An- und Ausblicke gerade auf die Landschaft verwährt, auf der anderen Seite bescherte der ständige Nebel dem Wudang eine quasi magische Atmosphäre.

Am Beginn des Aufstieges, war davon allerdings nicht allzu viel zu merken, da an einem Samstag in den chinesischen (Schul-) Ferien mehr als nur sehr reger Betrieb herrschte. Wudang ist ein sehr beliebtes Ausflugsziel und unsere chinesischen Weggefährten (deren Anzahl mindestens vierstellig war) waren nicht unbedingt mit einer meditativen Betrachtung der wunderbaren Landschaft, sondern mehr mit der unüberhörbaren innerchinesischen Kommunikation oder spontanen Freudenausbrüchen angesichts der Schönheit der Landschaft beschäftigt.

Nach den ersten Kilometern am Berg und den ersten paar tausend Stufen wurde es naturgemäß aber ruhiger, denn das beständige Auf und Ab in Form von abertausend Treppenstufen und der dichte Nebel machte selbst uns als gut Trainierten das Atmen schwer.

Die Landschaft des Wudang ist von dichten Wäldern geprägt die im Nebel wirklich eine einmalige, quasi verwunschene Atmosphäre hatten.

Der Aufstieg zu Fuß (es gibt auch eine Seilbahn) setzt eine gute Kondition voraus, bietet aber einmalige Anblicke auf das Gebirge und auf unzählige am Berg liegende daoistische Tempel.

Das daoistische Leben am Berg scheint, nach den Einschnitten der Kulturrevolution, wieder sehr rege zu sein, so dass wir alle Tempel, Klöster und Schreine „in Betrieb“ vorgefunden haben. Auch begegneten uns überall am Berg reichlich daoistische Mönche und Nonnen.

Die wiederaufkommende Popularität des Wudang und die anscheinend vorhandene Toleranz der offiziellen Stellen macht Hoffnung auf eine Wiederbelebung des Wudang als daoistisches Zentrum und auf eine langsame Rückverbindung Chinas zu seiner ureigensten kulturellen Wurzel, von der es sich in der Kulturrevolution ja fast ganz abgeschnitten hat.

Wie weit das allerdings gelingen wird, wird die Zukunft zeigen müssen. Gespräche mit einigen Schüler aus Wudang Kungfu Schulen hinterließen bei mir eine gewisse Unsicherheit in wie weit die alten Traditionen am Wudang wirklich wieder belebt werden konnten und ob man wirklich bereit ist sie mit Ausländern zu teilen.

Fernab dessen ist der Wudang von einzigartiger Schönheit und alleine schon deswegen mehr als eine Reise wert.

Den „Höhepunkt“ des Aufstiegs zum Wudang bildet der Goldhallentempel (Jindian Gong), der im wahrsten Sinne des Wortes den Wudang krönt. In diesem befindet sich eine Inschrift von Kaiser Qing Long „Goldenes Licht ergießt sich in die Welt“ – für alle sensitiv geschulten eine nachvollziehbare Aussage….

Nach einer weiteren Übernachtung am Berg besichtigten wir am Tag darauf noch den wunderbar restaurierten Nanyan Gong, der unter anderem auch in dem letzten Karate Kid Film mit Jacky Chan zu sehen ist und machten uns dann wieder auf den Weg nach Xian.

Zu hoffen bleibt, dass das durch den zunehmenden Tourismus am Wudang erwirtschaftete Geld weise und vorausschauend zur Restaurierung und Wiederbelebung der daoistischen Kultur und ihrer Einrichtung am Berg verwendet wird.

Altar im Tempel der 8 Unsterblichen in Xian
Der Glockenturm in Xian bei Nacht

Tag 21: Xian – Pulsierende Metropole

Nach unserer Rückkehr vom Wudangshan legten wir einen Tag Pause in der alten Kaiserstadt Xian ein. Dieses 8 Millionen Ungetüm gehört mit zu den lebendigsten und gleichzeitig ältesten Städten Chinas.
Hier findet man unter anderem weltbekannte Sehenswürdigkeiten wie die Terrakotta Armee und die größte erhaltene Stadtmauer der Welt, die den Stadtkern von Xian umgibt. Da dieser Tag der Ruhe und Regeneration dienen sollte, verbrachte ich ihn gemütlich.
Beim entspannten Bummeln in Xian faszinierte mich wieder mal das pulsierende Leben auf den Straßen und der Blick auf den Glockenturm, der sich hervorragend bei einer kleinen Pause im klimatisierten Starbucks genießen lässt. Xian war an diesem Tag mit nur knapp 30 Grad Celsius fast ungewohnt kühl ;-).
Den Nachmittag verbrachte ich im Tempel der Acht Unsterblichen (Ba Xian An) vor den Osttoren der Altstadt. An diesem Ort soll sich ehemals der Weinladen des legendären daoistischen Unsterblichen Lü Dongbin befunden haben und auch hier soll er von seinem Lehrer Han Zhongli im Dao unterwiesen worden sein.
Ein faszinierender Ort der Stille und Innenkehr mitten im Getriebe der Riesenmetropole Xian, dessen unmittelbare Umgebung auch einen wunderbaren Antikbasar beherbergt, der für alle Freunde chinesisch-taoistischer Kunst eine wahre Fundgrube ist.

Den Abend verbrachte ich mit Bekannten aus Russland und Belgien im pulsierenden Nachtleben Xians. Meine beiden Bekannten hatten schon längere Zeit in einer Kampfkunstschule auf dem Wudang gelebt. Bei unseren Gesprächen zeigte sich wieder einmal, dass man in China zwar auch ohne mit Sprache und Kultur vertraut zu sein überleben kann und sogar ein wenig lernen kann, es aber leicht zu vielen Missverständnissen und Problemen kommen kann, die ein tieferes Eindringen in die Materie erschweren oder sogar unmöglich machen.

Daher kann ich nur jedem raten, der nach China reisen möchte und an mehr als Sightseeing interessiert ist, dies unbedingt unter sprach- und kulturkundiger Führung zu tun…

Warteschlange an der Seilbahn des Huashan
Der Gold-Schloss-Pass auf dem Huashan
Meditationshöhle auf dem Huashan nahe des Nordgipfels
Lastenträger auf dem Huashan - unvorstellbare Belastungen
Tempel auf dem Nordgipfel des Huashan
Sonnenuntergang auf dem Westgipfel des Huashan
Sonnenuntergang auf dem Westgipfel des Huashan
Tobias Puntke und Shenrui beim Sonnenuntergang auf dem Westgipfel des Huashan

Tag 22-23: Huashan - Gipfelerfahrungen....

Am frühen Mittwochmorgen brachen Shen Rui und ich dann mit dem Bus zum Huashan auf. Mein letzter Besuch lag nun schon fast 14 Jahre zurück. Damals war ich sehr durch die Lektüre der Triologie des „Daoisten vom Hushan“ beeindruckt, die die Ausbildung eines daoistischen Adepten auf den Gipfeln des Hushan beschreibt.

Der Huashan präsentierte sich uns als unglaubliches und gigantisches Felsmassiv.
Aus Bequemlichkeits- und Zeitgründen ersparten wir uns diesmal die ersten 6-8 Stunden Treppensteigen und nahmen die Seilbahn zum Nordgipfel.

Für alle die wirklich gut trainiert sind und Zeit mitbringen, sei ein Aufstieg zu Fuß jedoch dringend empfohlen, da er wirklich unglaubliche An- und Ausblicke bietet.

Schon beim Warten auf die Seilbahn wurde uns bewusst, dass wir an diesem Tag sehr spät dran waren und daher auf dem Berg nicht ganz alleine sein würden, denn wir durften ca. 45 Minuten anstehen, bis wir uns auf den Weg zum Gipfel machen konnten.

Der Gipfel empfing uns, anders als der Wudangshan bei bestem Wetter. Allerdings waren wir auch hier alles andere als alleine, denn der Huashan ist schön….sehr schön…. Und das wissen die Chinesen…. Vieeeele Chinesen auch.
So begannen wir unseren Aufstieg zum Westgipfel. Endlose Treppen führten durch das karge Massiv bergauf, vorbei an alten Tempeln und gähnenden Abgründen, stets begleitet von einer unglaublichen Anzahl chinesischer Weggefährten.

Die karge Naturschönheit des Huashan ist wirklich einzigartig. Um so mehr überrascht es einen nach Stunden des Aufstiegs durch karge Felsen unterhalb des Westgipfels auf ausgedehnte Wälder zu treffen.

Je höher wir stiegen, desto ruhiger wurde es und umso mehr konnten wir die Natur genießen, da unseren chinesischen Weggefährten zunehmend die Luft auszugehen schien.

Die einzigartige Schönheit dieses heiligen Berges erschließt sich einem erst wirklich, wenn man auf einem seiner Gipfel steht. Oftmals schaut man von den Gipfeln aus auf ein Meer von Wolken. Dann ist man wirklich der Welt entrückt und der Himmel scheint zum greifen nah.

Ein unglaubliches und erhabenes Gefühl, dass die Anstrengungen des Aufstiegs in kürzester Zeit verblassen lässt.

Und so genossen wir den Sonnenuntergang auf dem Westgipfel in 2100 Metern Höhe… Ein Naturschauspiel, dass sich mit Worten nicht beschreiben lässt, das uns aber lang anhaltende Freudenschreie entlockte.

Den Abend verbrachten wir dann ebenfalls in der unmittelbaren Nähe mit Meditation, die interessante Erkenntnisse darüber brachte, warum die Daoisten sich diesen Ort für ihre Kultivierung ausgesucht hatten. Die Nacht verbrachten wir dann in einem Hotel direkt unterhalb des Westgipfels.

Am nächsten Morgen wollten wir uns auch den Sonnenaufgang nicht entgehen lassen und stiegen sehr früh wieder zum Westgipfel auf. Dort konnten wir dieses ebenfalls atemberaubende Naturschauspiel fast ganz alleine genießen… Ich hoffe die Bilder machen einen Hauch des Gefühls greifbar.

Nachdem wir den Morgen mit einem kleinen Photoshooting verbracht hatten stiegen wir in aller Ruhe wieder vom Gipfel ab und machten uns auf den Rückweg nach Xian, denn am nächsten Morgen sollte es für mich schon nach Beijing weiter gehen.

Panorama auf dem Westpipfel des Huashan
Sonnenaufgang auf dem Westpipfel des Huashan
Tobias Puntke bei der Meditation auf dem Huashan
Platz des himmlischen Friedens

Tag 24-26: Beijing by bike

Am frühen Freitag machte ich mich auf den Weg nach Beijing. Zu meiner großen Beruhigung war mein doch stattliches Übergepäck von + 40 kg kein größeres Problem, so dass ich zügig für den Flug nach Beijing einchecken konnte. Leider herrschte in Beijing ein Unwetter, so dass der Flug erst mit 3 Stunden Verspätung abheben konnte. In Beijing wurde ich dann von einem alten Freund meines Meisters, Herrn Liu in Empfang genommen, der sage und schreibe 4 Stunden auf dem Flughaben auf mich gewartet hatte und mich in mein Hotel brachte. Wieder einmal wurde mir die große Bedeutung der Beziehung in China bewusst… hast Du Beziehungen, bist Du niemals alleine. Herr Lius Gastfreundlichkeit und Unterstützung nahmen während meiner Tage in Beijing ein fast beschämendes Ausmaß an. Bei meinen letzten Aufenthalten hatte ich Beijing eher von einer sehr formalen Seite kennengelernt, d.h. Unterbringung im 4 Sterne Touristenhotel, komfortabler Transfer im klimatisierten Reisebus und Besichtigung der touristischen Highlights wie Verbotene Stadt und Große Mauer.

Diesmal wollte ich es jedoch individueller gestalten.

So lag mein Hotel im alten Teil von Beijing, der ein vollkommen anderes Gesicht hat, als das neue Hochglanz-Olympia Beijing.

In diesem über 700 Jahre alten Teil von Beijing drängen sich niedrige höchstens zweistöckige antike Häuser dicht an dicht. Die engen Gassen werden von einer unendlichen Zahl von Geschäften und Restaurants umsäumt, so dass zu jeder Tages- und Nachtzeit reges Treiben auf den Straßen herrscht. Seinen vollen Charme entfaltet das Viertel jedoch bei Nacht, wenn es von schrillen Neonreklamen beleuchtet wird. Jedem der ein Hauch altes China im modernen Beijing schnuppern will oder aber Kunsthandwerk und Reiseandenken einkaufen möchte, sei ein Besuch sehr ans Herz gelegt. Am Samstag machte ich mich auf den Weg um einige andere Seiten von Beijing zu erkunden. Nach anfänglichem Zögern entschied ich mich dazu eine Radtour durch Beijing zu wagen… Nach meinen Erfahrungen mit dem chaotischen Verkehr in anderen chinesischen Städten hatte ich anfangs größere Sorgen um meine Sicherheit bei diesem Ausflug… vollkomen umsonst, wie sich herausstellte.

Beijing bei Bike – eine einzigartige Gelegenheit diese unglaubliche Stadt anders und hautnah zu erfahren. Dank der überall vorhandenen Fahrradstrassen und der durchgängigen englischen Beschilderung der Straßen ein wahres Vergnügen. Katie Meluah singt in ihrem Song „10 Million bicycles in Bejing“ von dieser Seite der Metropole und die überall vorhandenen und seeehr großzügig angelegten Fahrradstraßen (am Platz des himmlichen Friedens sind die Fahrradspuren je Richtung ja 30 Meter breit!), ließen mich vermuten, dass es dort wirklich so viele Fahrräder gibt. Zu meiner großen Freude schien ich jedoch fast alleine mit dem Rad unterwegs zu sein, was das Fahren sehr angenehm machte. Also machte ich mich auf den Weg… über den Platz des himmlischen Friedens, vorbei am Mao Mausoleum und der verbotenen Stadt zur Wangfujing Strasse, wo ich einige Dinge besorgen wollte. Fast zufällig endeckte ich das „China Arts and Crafts Center“, eine wirkliche Topadresse für alle, die an chinesischem Kunsthandwerk in all seinen Facetten interessiert sind – und über den nötigen Geldbeutel verfügen. Allen Liebhabern chinesischer Kunst sei ein Besuch in diesem sechsstöckigen Nobelkaufhaus als Inspiration dringend empfohlen. Von Schmuck, über Kaligraphien und Malerei, Teezubehör bis hin zu religiösen Gegenständen wie Buddhastatuen findet der feinsinnige Geist hier alles, was des Ästethen Herz begehrt. Hier ist es kein Problem Buddhastatuen für 20.000 € zu erstehen… Direkt gegenüber findet sich in den Seitengassen das pauschaltouristische Pendant in Form eines Souvernir- und Spezialitätenmarktes. Dort stieß ich dann auch auf die ersten kulinarischen Angebote, die weder mit meinem Herzen noch meiner kulinarischen Neugierde im Einklang waren: Seepferdchen, Seesterne, Tausendfüssler und lebende (!!!) Skorpione am Spieß… frisch (und teilweise lebend) vor den Augen der Neugierigen „Feinschmecker“ frittiert. Man sicherte mir ausdrücklich zu, dass es sich dabei um absolute Delikatessen handeln würde. Bei allem grundlegenden Verständnis für die chinesische Küche und deren vielfältigen Facetten, kann ich bei solcherlei Zubereitungsarten doch nur verständnislos mit dem Kopf schütteln. Wenn man schon von den manchmal gängigen Zubereitungsarten für Spezialitäten wie Schlangenblut, Bärentatzen und Affenhirn gehört hat (mit denen ich alle sensiblen Gemüter hier verschonen möchte), drängt sich mir doch der Eindruck auf, dass trotz allem Wissens um die vielfältigen Wechselwirkungen verschiedener tierischer „Produkte“ mit dem menschlichen System es hier und da zu einer absoluten Verrohung gekommen ist. Es erscheint mir so, dass es vielen Chinesen nicht unbedingt sehr bewusst ist, dass es sich bei Tieren um fühlende und beseelte Mitgeschöpfe handelt. Vielleicht war es bei uns in früheren Zeiten ähnlich, als die Ernährungslage der Bevölkerung noch nicht so sicher war. Die Mittagspause genoss ich bei einem Cappucino mit Blick auf die verbotene Stadt und einem Nickerchen im bekannten Jingshan Park. Hier erhoffte ich mir etwas Ruhe vom Getriebe der Stadt, was jedoch vergeblich war, denn auch hier war ich ständig in Gesellschaft vieler, vieler, vieler Chinesen, deren Kommunikation kaum zu überhören war. Da blieb mir nur mich ganz in Qi Gong Art in mein Inneres zurück zu ziehen und die Stille in mir zu suchen… Nachmittags ging es dann weiter zum bekannten Lama Tempel, der der größte tibetisch buddhistische Tempelkomplex außerhalb Tibets sein soll. Leider schloss er sehr früh, so dass sich mir nicht mehr die Möglichkeit zur Besichtigung bot. Statt dessen hatte ich die Möglichkeit die umliegenden buddhistischen Kunsthandwerkermärkte zu besichtigen. Für alle an buddhistischen Kunstformen Interessierten ein absolutes Muss bei einem Beijing Besuch! Hier lassen sich wunderbare Buddhastatuen, Thangkas, Malas, Klangschalen und vieles weitere in teilweise sehr guter Qualtiät und zu sehr guten Preisen erstehen. 

Am Sonntag hatte ich eigentlich einen Besuch im legendären Kloster der weißen Wolke (Bai Yuan Guan) geplant, dass der Hauptsitz der daoistischen Gesellschaft Chinas ist. Dieser Ort hatte mich bei meinem ersten Besuch vor zwei Jahren sehr beeindruckt. Da mir am nächsten Tag jedoch der Rückflug nach Deutschland bevorstand, entschloss ich mich kurzfristig dazu einen Regenerationstag einzulegen und den Tag ohne feste Programmpunkte zu verbringen. 

Am Montag ging es dann zurück nach Deutschland, dass mich in Düsseldorf mit 15 Grad und Regen empfing.

 

 

Übungserfahrungen....

Da mich einige Anfragen mit der Bitte erreicht haben meine Übungserfahrungen hier in China näher zu schildern, werde ich das in den nächsten Tagen nachholen...